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1997, Heft 2

Jörg Becker, Maria-Anna Courage, Rudolf Stefec:

Einleitung

"Auf dem Weg zu einer Informationsgesellschaft in Mittel- und Osteuropa": Das ist der Titel mehrerer Workshops, Treffen und Aktionsprogramme der Kommission der Europäischen Union und mittel- und osteuropäischer Länder in Brüssel im Juni 1995, Bled/Slowenien im März 1996 und in Prag im September 1996. In seinem Vorwort zu einer slowenischen Broschüre über die Rolle von F&E beim Aufbau der osteuropäischen Informationsgesellschaften schreibt Martin Bangemann, EU-Kommissar für Gewerbliche Wirtschaft, Informationstechnologien und Telekommunikation: "Es ist wichtig, daß die Länder Mittel- und Osteuropas in die Forschungsanstrengungen miteinbezogen werden, so daß der europäische Beitrag zur Informationsgesellschaft dem Anspruch nach Globalität wirklich genügt und daß sich die regionalen Disparitäten zwischen Ost und West nicht vergrößern. Deswegen muß es im Bereich der Forschung eine viel engere Kooperation zwischen Ost und West geben. Die Zusammenarbeit bei Pilotprojekten ist ein gutes Mittel zur Stärkung eines europäischen Zusammenhalts." 1

In einem Aktionsplan wurden zwischen der EU und den Ländern in Ost- und Mitteleuropa 27 Pilotprojekte vereinbart, dazu zählen u.a.: Aufbau eines Netzes aller europäischen Handelskammern, Telematik-Anwendungen im Bereich von Umweltprojekten, Aufbau eines geographischen Informationssystems, Tele-Medizin, Chip-Karten-Technologie im Bereich der Gesundheitsvorsorge, Internet-Anwendung in Schulen.

Infografik
Internet-Anschlußdichte in Osteuropa (Dezember 1996)
Quelle: Business Central Europe, März 1997, S. 46.

In mancherlei Hinsicht handelt es sich bei dem vorliegenden Heft der Zeitschrift "Informatik Forum" aus Wien auch um ein Pilotprojekt zwischen West-, Mittel- und Osteuropa. Mitteleuropa ist mit dem Wiener""Informatik Forum" und der damit verknüpften Tradition der angewandten Informatik an der Technischen Universität Wien vertreten. Für Mittel- und Osteuropa stehen aber auch zwei der Gastherausgeber des vorliegenden Themenheftes: Rudof Stefec aus Prag vertrat die Tschechische Republik auf dem Treffen der EU mit den ost- und mitteleuropäischen Ländern in Bled 1996 und war Hauptorganisator des großen Folgetreffens im gleichen Jahr in Prag, dem Treffen, an dem Staatsminister, Unternehmer und Wissenschaftler aus 12 mittel- und osteuropäischen Ländern den genannten Aktionsplan der EU enthusiastisch unterstützten 2; Maria-Anna Courage, gebürtige Ungarin, leitete zweimal die großen Forschungsprojekte über elektronische Informationsdienste in Osteuropa zwischen 1991 und 1995 bei der GMD Forschungszentrum Informationstechnik GmbH, frühere Gesellschaft für Mathematik und Datenverarbeitung, in St. Augustin bei Bonn 3 (siehe Rezension in Heft 3/1996). Jörg Becker schließlich steht für Westeuropa und die Tradition kritischer Reflexion über internationale Medien- und Technologiepolitik - auch die über Ost- und Mitteleuropa. 4

Elektronische Informationsdienste, Online-Kommunikation, bibliothekarische Infrastruktur, Datenbanken für technische, wirtschaftliche und wissenschaftliche Informationen, Internet, Fachinformation, business information - so oder ähnlich heißen die entscheidenden key-words für die folgenden Aufsätze über das Informationswesen in Slowenien, der Slowakischen Republik, Ungarn, Lettland, Bulgarien, Armenien, Kroatien und Rußland. Dabei spannt sich ein großer Bogen von erschreckenden regionalen und technologischen Diskrepanzen zwischen den rd. 150 online-fähigen Datenbanken in Ungarn bis zur "Rückkehr in die Kreidezeit": Das zumindest war der unverblümt geäußerte, deprimierend-traurige Tenor im Reisebericht eines Salzburger Hochschullehrers über seinen Besuch an der Universität Lemberg in der Ukraine. "Fachbücher Mangelware" ­ "Im Katalogsaal der UB gibt es einige Nachschlagewerke und einen betagten Zettelkatalog". (1896 war die Universität Lemberg nach Wien und Graz die drittgrößte Universität in Österreich.) 5

"Die Tür nach Rußland ist schon wieder zu!" - so sagte uns neulich ein Informationsbroker mit langjährigen Erfahrungen im Ost-West-Geschäft der Online-Kommunikation, und schon 1991 hatte Jaroslav Kubik aus der damaligen Tschechoslowakei formuliert, daß die CSFR gegenwärtig nur noch 1/3 oder 4/5 der ausländischen Informationen erhält, die sie noch ein Jahr vorher bekam. 6

Und von wiederum einem anderen Blickwinkel her sekundiert solchen Aussagen Karl Eimermacher, Beauftragter der Landesregierung von Nordrhein-Westfalen für die Beziehungen zu den Hochschulen in Rußland und den europäischen Staaten der GUS, wenn er von einem neuen "Eisernen Vorhang" 7 spricht. "Freier Informationsfluß": vor 1989 hinderte ihn in der West-Ost-Richtung die staatliche Zensur, heute hindert ihn (und stärker als damals) der Markt. Was für ein Irrsinn!

Es war und ist uns eine forschungsethische Selbstverständlichkeit, die Betroffenen mit eigener Stimme zu Wort kommen zu lassen. So berichten in dieser Ausgabe also nicht Westeuropäer über Osteuropäer, sondern Osteuropäer sprechen zu Westeuropäern über ihr eigenes Land, die eigene Kultur, das eigene Wissenschafts-, Forschungs- Technologiesystem. Es ist ein nur ganz kleiner Versuch, die Informations-West-Ost-Einbahnstraße zu einer Zweibahnstraße zu machen.Nach wie vor ist der Zufluß von Informationen von Ost nach West sehr gering, und in einem ganz anderen Sinn müßte heute ein Erich Maria Remarque gerade deswegen "Im Westen nichts Neues" noch einmal schreiben. Ist es nicht vielleicht so, daß der Westen Europas und der Osten dieses Kontinents nach wie vor sehr verschiedenen voneinander sind, daß sie beide unterschiedliche Werte vertreten, und daß die Menschen - hüben wie drüben - instinktiv spüren, daß es so viel universell Gültiges vielleicht gar nicht gibt, daß ein umfangreicher Informationsaustausch zwischen Ost und West nicht möglich ist, daß man nicht weiß, ob er notwendig und wertvoll ist?

Kann man von einer so ungeheuerlich vernachlässigten Universität wie der von Lemberg wirklich nichts Sinnvolles und Nützliches erfahren? Verzichten die Lemberger umgekehrt vielleicht schon darauf, sich deswegen Informationen aus dem Westen zu verschaffen, weil sie schon gemerkt haben, daß ihnen diese Informationen zu Hause gar nichts nützen? Informationsaustausch allein reicht offensichtlich als Basis für Zusammenarbeit und Annäherung nicht aus. Aber mit solchen öberlegungen laufen wir eventuell von unserem Thema weg....




Fußnoten:

  1. Bangeman Martin: Preface, in: European Commission and Ministry of Science and Technology of the Republic of Slovenia (Hrsg.): The Path to the Information Society in the Central and Eastern European Countries. The Role of Research & Development and Experimentation, CEEC-EU Panel Meeting 7-8 March 1996, Bled, Slovenia, Ljubljana 1996, S. 6.

  2. Vgl. Proceedings of the Second EU-CEEC Forum on the Information Society, 12-13 September 1996, Prague: Castle, Czech Republic 1996.

  3. Courage, Maria-Anna und Butrimenko Alexander Vasilevic: Der Elektronische Fachinformationsmarkt in Osteuropa 1993. 2 Bde., Darmstadt: Hoppenstedt 1993, Courage, Maria-Anna und Butrimenko, Alexander Vasilevic: Elektronische Informationsdienste in Osteuropa 1994 - 95. 3 Bde., St. Augustin: GMD 1995/1996.

  4. Jüngere Veröffentlichungen über Osteuropa vgl. Becker, Jörg: Entwicklung der Telekom-Technik in Osteuropa, in: Nachrichtentechnische Zeitschrift, Nr. 8/1997, S. 68-69; Becker, Jörg und Salamanca, Daniel: Globale elektronische Netze und internationale Arbeitsteilung, in: Enquête-Kommission Zukunft der Medien in Wirtschaft und Gesellschaft. Deutschlands Weg in die Informationsgesellschaft, Deutscher Bundestag (Hrsg.): Zur Ökonomie der Informationsgesellschaft. Perspektiven, Prognosen, Visionen, Bonn: ZV Zeitungs-Verlag 1997, S. 185ff.

  5. Schmolke, Michael: Rückkehr in die Kreidezeit. Eine lange Reise nach Lemberg, in: Aviso, März 1995, S. 15-16.

  6. Kubik, Jaroslav: The Way to Europe Lies Through Information, in: International Forum on Information and Documentation, Nr. 3/1991, S. 28.

  7. Eimermacher, Karl: Ein Neuer Eiserner Vorhang?, in: ders. und Hartmann, Anne (Hrsg.): Der gegenwärtige russische Wissenschaftsbetrieb - Innenansichten, Bochum: Lotmann-Institut für russische und sowjetische Kultur 1996, S. 126-131.


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